Leseprobe - Und draußen Frühling

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Leseprobe aus "Und draußen Frühling"

 

Herr Rieger, der Notar, hatte mich an der Tür empfangen und ins Büro gebeten. Ich sollte schon mal Platz nehmen. Es würde noch etwas dauern, meinte er. Erstaunt und etwas hilflos hatte ich ihn angeschaut. Er zuckte nur mit den Schultern und verschwand ins Vorzimmer. Also setzte ich mich und wartete ab. Durch die geschlossene Tür konnte ich ihn mit seiner Sekretärin reden hören. Offensichtlich verstanden sie sich gut, denn die Frau kicherte ständig, wenn er sprach.

Endlose Minuten verstrichen. Herr Rieger scherzte immer noch mit der Frau. Warum dauerte das denn so lange? Missgestimmt schweifte mein Blick in dem karg eingerichteten Büro auf und ab. Das ganze Mobiliar schien antiquiert zu sein. Vor mir mitten im Raum stand ein hölzerner, fast schon ausgedienter Schreibtisch, mit nichts als einer grünen Schreibtischunterlage und einem Füllfederhalter darauf. Dahinter ein Bürostuhl, braun und speckig. Das sterile Weiß des Raumes wurde nur an einer Seite durch einen verschlossenen Aktenschrank unterbrochen. Weder ein Gemälde noch irgendwelche Auszeichnungen hingen an den Wänden.

Hier möchte ich nicht arbeiten, schoss es mir durch den Kopf, und ich freute mich über mein neu renoviertes Büro mit dem schwarzen ledernen Chefsessel und der frischen gelben Farbe an der Wand. Jetzt fehlten nur noch ein paar schöne Landschaftsaufnahmen. Ich musste unbedingt am Wochenende die Fotos durchforsten, die ich auf meinen selten gewordenen Spaziergängen geschossen hatte.

Meine Hände lagen arglos im Schoß auf meinem dunklen Rock. Trotz der Sommerhitze waren sie feucht und kalt. Ich holte ein Taschentuch aus meiner Handtasche und wischte sie ab. Dann blickte ich zum wiederholten Male auf meine Armbanduhr. Mist. Das wurde knapp. Wenn ich nicht bis fünfzehn Uhr zurück war, schaffte ich es nicht mehr, die Gehälter der Mitarbeiter anzuweisen. Unwillkürlich griff ich nach einer Haarsträhne an meinem Zopf und spielte mit den Fingern darin. Ich hatte die Haare wie jeden Tag streng zurückgestrichen und im Nacken zusammengebunden. Nur so konnte ich meine wallende blonde Mähne bändigen.

Durch das weit geöffnete Flügelfenster strömte eine drückende Schwüle in den Raum. Seit Tagen hatte die Sonne erbarmungslos vom Himmel gebrannt, und ihre Hitze staute sich nun wie eine Dunstglocke über der Stadt. Schleichend verdunkelte sich der Himmel und ergriff Besitz von der Welt, legte sich wie ein lautloser Schleier über alles Leben. Eine knisternde Stille lag in der Luft. Nicht einmal mehr Vogelgezwitscher drang herein.

Mit einem Satz sprang die Tür auf, das Licht wurde angeknipst und Herr Rieger kam mit einem geschwätzigen Mann herein. Er bot ihm den freien Stuhl neben mir an. Der Fremde nickte kurz zur Begrüßung in meine Richtung und ließ sich, während er weiter auf Herrn Rieger einredete, lässig auf den Stuhl plumpsen.

„… und der Zug hatte Verspätung und …“

„Ist schon in Ordnung, Herr Lichtenstein. Jetzt sind Sie ja da.“ Mit einer kurzen Armbewegung gebot er dem Redeschwall Einhalt. Herr Lichtenstein stockte und sah den Notar beleidigt an.

Lichtenstein. Diesen Namen hatte ich noch nie zuvor gehört. Wer war der Fremde? Und was hatte er hier bei der Testamentseröffnung zu suchen? Skeptisch musterte ich den Unbekannten. Er lächelte mich verschmitzt an, und sogleich klopfte mein Herz wie verrückt. Ich wollte mich rasch seinem Blick entziehen, aber da leuchtete ein sternenförmiges Glitzern in seinen dunklen Augen auf. Es fing mich ein und zog mich magisch in seinen Bann, ohne dass ich dagegen ankam. Ich starrte ihn unentwegt an. Mein Herz brannte.

Herr Rieger räusperte sich hörbar, und ich hatte enorme Mühe, mich wieder zu sammeln. Innerlich schimpfte ich mit mir. Eigentlich hatte ich im Moment keinen Kopf und schon gar keine Zeit für irgendwelche Bekanntschaften. Und dies hier war nun wirklich kein Ort zum Anbändeln. Trotzdem hatte dieser Fremde in mir etwas erweckt, das mich völlig durcheinanderbrachte. Ein lange verschüttetes Gefühl kam zum Vorschein. Unbändige Sehnsucht, ungestilltes Verlangen flammten in meinem Inneren auf. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Der Notar bat um die Ausweise und Vorladungsschreiben und prüfte und verglich alles sehr genau. Waren es meine wirren Gefühle, die Aufregung oder das bevorstehende Gewitter? Jedenfalls wurden schlagartig meine Achselhöhlen nass, sodass meine Bluse daran klebte. Mitten hinein in diese unwirkliche Situation sagte Herr Rieger in würdevollem, ernstem Ton:

„Frau Schäfer, Herr Lichtenstein, ich habe Sie vorgeladen zur Testamentseröffnung von Herrn Edgar Schäfer. Ich verlese nun den letzten Willen des Verstorbenen.“

Er nahm bedächtig den Umschlag, der vor ihm lag, in die Hand, öffnete das Siegel und nahm die Blätter heraus. Der Schweiß bahnte sich nun vehement seinen Weg an der Innenseite meiner Arme und ein süßlicher Geruch stieg in meine Nase. Verlegen nahm ich mein Taschentuch zur Hand und versuchte, unauffällig die Schweißtropfen abzutupfen. Es gelang mir nicht. Voller Verzweiflung klemmte ich die Achseln fest zusammen, verschränkte meine Arme vor der Brust. Und schwitzte noch mehr.

„Mein ganzes Vermögen, die Firma und das Wohnhaus erben je zur Hälfte meine Adoptivtochter Amanda Schäfer und mein leiblicher Sohn Ralf Lichtenstein.“

Sohn? Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Vater hatte einen Sohn? Wie ein Schwert durchbohrte mich diese Nachricht, stach mitten in mein Herz. Ich taumelte, suchte nach Halt, und meine feuchten Hände krallten sich fest in meine Oberarme.

Vater hatte mich also auch getäuscht, genau wie meine Mutter. Er hatte mich fest in dem Glauben gelassen, ich wäre seine Nachfolgerin, ich ganz allein. Alles hatte ich gegeben, mich für die Firma geopfert. Und nun? Das war nicht fair! Spucke sammelte sich in meiner Mundhöhle an. Ich schluckte heftig, doch nur widerwillig gluckste der Speichel durch meine Kehle hinunter.

„Frau Schäfer, ich frage Sie noch einmal: Nehmen Sie das Erbe an?“

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