Leseprobe-Das Geheimnis in der Kapelle

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Leseprobe aus T & T 002. Das Geheimnis in der Kapelle

 

Die Zwillinge erstarrten vor Angst in ihrem Versteck. Eiseskälte kroch über ihre Haut und in ihre Glieder. Der Spuk! Es gab ihn wirklich, und er war hautnah! Wieder erschallte die donnernde Stimme. Tini schmiegte sich zitternd an ihren Bruder. Dabei stieß sie mit dem Fuß an etwas Hartes. Ein kurzer, dumpfer Laut ertönte.

„Aua!“, entfuhr es ihr. Tim hielt ihr blitzschnell den Mund zu.

„Was war das?“, kreischte die fremde Frau und stürmte los.

„Ahhh, Hilfe!“ Ein gellender Schrei hallte durch die Kapelle. Beinahe wäre die Frau mit ihren hohen Absätzen gestürzt. Im letzten Augenblick konnte sie sich fangen und ließ sich erleichtert auf eine Kirchenbank plumpsen. Unvermittelt sprang ihr die schwarze Katze vom Bauernhof direkt vor die Füße, wollte sich anschmiegen.

„Zum Kuckuck, was macht das Biest hier?“, fluchte die Frau verächtlich. „Und ich dachte schon, hier ist noch jemand“, setzte sie gicksend nach. Unwirsch schnappte sie die Katze, umklammerte sie mit beiden Händen an Bauch und Rücken und tippelte zur Eingangstür. Das Tier miaute jämmerlich und versuchte sich zu befreien, indem es sich hin und her wand. Aber die Frau hatte die Katze fest im Griff und beförderte sie mit einem heftigen Stoß nach draußen.

„Das fehlt noch, dass dieses Vieh hier dazwischenfunkt und alles durcheinanderbringt“, maulte sie der Katze hinterher.

„Blöde Ziege, Tierquälerin“, zischte Tini in ihrem Versteck.

„Pst“, fiel ihr Tim gleich ins Wort.

Denn die Frau kam noch einmal zurück, blieb jetzt in der Mitte des Kirchenganges stehen und rührte sich nicht mehr.

Was macht sie denn noch?, schoss es Tim durch den Kopf. Mann, die soll endlich gehen.

„Piep, piep“, ertönte es da aus seiner Hosentasche. Eigentlich war der Ton gar nicht laut eingestellt, aber in der Stille der Kapelle tönte es zehnmal so laut.

„Mist. Jetzt sind wir geliefert.“ Die Zwillinge fassten sich aufgeregt an den Händen. Ihre Körper spannten sich an, bereit, im Falle der Entdeckung herauszupreschen und sofort die Flucht zu ergreifen.

Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen stand die Frau immer noch unbeweglich am selben Fleck. Die Kinder zerbarsten fast vor Aufregung in ihrem Versteck. Mit einem Mal drehte sich die Fremde um und verließ, leise vor sich hin murmelnd, die Kapelle. Tim verstand nur das Wort ‚tauschen‘, sonst nichts.

Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss. Unzählige Male verbreitete sich das Echo im Kirchenraum, verstummte nur schleppend. Lange Zeit blieben die Zwillinge unbeweglich und lauschend in ihrem Versteck hocken. So lange, bis das Echo ganz verklungen war und sie sicher sein konnten, dass die Frau nicht wieder zurückkommen würde. Langsam und steif krabbelten sie schließlich aus ihrem Schlupfwinkel hervor.

„Das war knapp“, stöhnte Tini. „Länger hätte ich das nicht mehr ausgehalten. Mein linkes Bein ist total eingeschlafen.“

Sie schüttelte und massierte kräftig ihr Bein, hüpfte darauf herum und jauchzte, weil es so schrecklich kribbelte. Tim schenkte ihr keine Beachtung. Er war zu sehr mit dem Geschehenen beschäftigt.

„Mann, Tini, den Spuk gibt es tatsächlich. Die Madonna hat wirklich geredet. Das war ganz schön gruselig. Und diese unfreundliche Frau hatte nicht einmal Angst davor. Na, wenn das nicht verdächtig ist.“

 

 

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