Leseprobe - Ragin - Die Geschichte einer Wiederkehr

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Leseprobe aus "Ragin. Die Geschichte einer Wiederkehr"

 

Ragin, der Druide, der Pflanzenkenner, der intuitiv die giftigen von den ungiftigen unterscheiden konnte, fühlte sich in diesem Augenblick nicht wie ein solcher, sondern wie ein gewöhnlicher Mensch mit kindlich ängstlichem Gemüt, machtlos der druidischen Wand ausgeliefert, die unaufhörlich auf ihn zumarschierte und ihn immer weiter zurückdrängte. Sein Schutzkreis schien wie weggeblasen und selbst die Geister, die er in seiner Not anrief, ließen ihn im Stich. Was auch immer bis zu diesem Tag das Wichtigste in seinem Leben war, Halvor, seine Mitbrüder, die Verbundenheit mit den Naturgeistern, jegliches verkehrte sich gegen ihn.

Das Gesicht, die Arme, ja jeder einzelne rückwärtige Schritt drückte seine Verzweiflung, sein inbrünstiges Flehen um Anhörung, um Gnade, um … ach, um alles einschließlich Wiedergutmachung aus. Es nützte ihm nichts. Er stolperte, fiel hin. Die Druiden gaben nicht nach, liefen stur weiter, und bevor sie ihn mit den Füßen zermalmen konnten, raffte er sich gerade noch auf. Sie drängten ihn so weit zurück, bis er außerhalb der Schwelle des Heiligen Hains angelangt war. Dort blieben sie stehen und warteten. Dutzende Augenpaare waren auf ihn gerichtet.

Wer wie er unter dieser Schmach hinausgeworfen wurde, wusste nur zu gut, was das bedeutete. Von nun an war er ausgeschlossen, stand nicht mehr unter dem Schutz und der Hilfe der Gemeinschaft, durfte sich nicht mehr ihrer Rituale bedienen. Er war ein Ehrloser, ein Nichts, nur auf sich gestellt. Wer immer wollte, durfte ihm Leid antun oder gar töten. Denn von dieser Stunde an war er kein Druide mehr.

Schuld daran, zumindest aus Ragins Sicht, hatte einzig und allein Irminar. Dennoch würde niemand das glauben.

Schuld daran, zumindest aus Ragins Sicht, hatte einzig und allein Irminar. Dennoch würde niemand das glauben. Schlimmer noch, falls der Säugling starb oder etwa Hagarun zu Schaden kam, würde selbst Hermann die Schuld bei ihm und nicht bei Irminar suchen. Dieser Verräter! Ragins Augen suchten in der Menge nach ihm. Ganz hinten hatte er sich eingereiht und die Schadenfreude stand ihm im Gesicht geschrieben. Ragin vergaß jetzt jegliche Vorsicht, tat etwas, das einer seines Standes nur nach reiflicher Überlegung tut. (So gesehen, in Anbetracht der Geschehnisse, war er eigentlich kein Druide mehr und im Übrigen außer sich vor Wut.) Er reckte den Arm und deutete mit dem Zeigefinger direkt auf Irminar.

»Verflucht sollst du sein bei den heiligen Geistern des Himmels und der Erde! Deine Seele trägt die Brut des Bösen in sich! Zerstören soll es dich!«

Und was tat Irminar? Er lachte darüber. Jenes zynische Lachen des Siegers über den Widersacher. Freilich konnte ihm der Fluch nichts anhaben. Wohlweislich hatte er seine Energien gebündelt und sich rechtzeitig mit einem Schutzkreis gewappnet. Im Gegensatz zu Ragin zeigte dieser Wirkung. So prallten die Worte an Irminar ab und deren Echo hallte weithin über den Platz, wurde durch die Felsen mannigfach zurückgeworfen. Nur der Älteste zuckte kaum merklich zusammen. Denn er spürte, der Fluch konnte der Gemeinschaft Unheil bringen.

Vielleicht mag der Leser nun einwerfen, dies habe Halvor dann selbst zu verantworten, schließlich hätte er Ragin die Gelegenheit geben können, sich zu läutern. Hier müssen wir dem Ältesten zugutehalten, dass er nicht anders konnte. Die Enttäuschung über Ragin, seinen Zögling, war zu groß, das Vertrauen in ihn zerstört. Hier gab es kein Wenn und Aber mehr, hier musste ein Zeichen gesetzt werden, um die Götter milde zu stimmen. Zu keiner Zeit vermutete Halvor Arglist hinter Irminars Worten. Warum auch? Die Empörung der Brüder gab ihm denn recht: der ruhige, besonnene Mitbruder Ragin ein Verräter! Unglaublich! Keiner hätte ihm dies je zugetraut. Umso euphorischer der Ruf nach seiner Verbannung, dem Halvor nur allzu gern zustimmte. Dies alles geschah, während unser Freund auf dem Rückweg weilte.

Der Ärmste. Was blieb ihm anderes übrig, als der Gemeinschaft den Rücken zu kehren. So lief er in Richtung des Waldes davon und seine Gefühle wallten über ihn hinweg. In einem Augenblick ließen sie ihn frieren, im anderen trieben sie ihm den Schweiß aus den Poren, geradeso wie Verzweiflung und Wut sich seiner bemächtigten. Gewiss, beides sind gewaltige Energien. Schon eine davon reicht aus, um mit bloßen Händen eine Hütte einzureißen oder zumindest das Dach derselben. Dazu kommt noch, dass Ragin nicht nur auf Irminar wütend war, sondern auch auf sich selbst, weil ihn, wie er glaubte, seine Vorsehung im Stich gelassen hatte. Wobei er sich natürlich nicht eingestand, dass er die Anzeichen nicht hatte wahrhaben wollen. Er war schlichtweg in einen Hinterhalt geraten, ja er hatte Irminar geradewegs in die Arme gespielt, indem er Hermann am Morgen aufsuchte. Dieser Feigling von Irminar! Angst hatte er, die Wahrheit zu sagen. Dabei hatte er und kein anderer ein Verbot übertreten, und dazu noch ein derart schwerwiegendes, dass es kein Wunder sei, wenn dadurch alle, die Gemeinschaft, Hermann, sogar das gewöhnliche Volk ins Verderben stürzten.

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